• Marina Salmhofer

Menschen in unserem Leben- gib Verurteilungen keine Chance

Viele Menschen treten im Laufe unseres Daseins in unser Leben. Manche bleiben, manche gehen auch wieder. Manche bemerkt man nicht mal bewusst. Manche hinterlassen Spuren, ob positive oder negative. Hast du dich schon einmal gefragt, was aus all den Menschen passiert ist, die in dein Leben getreten sind und nun nicht mehr da sind? Ich glaube aus diesem Grund mache ich auch gerne unsere alle (ja mittlerweile sind es 4) Klassentreffen, denn nicht mit allen hat man regelmäßig Kontakt. Aber man hat mit dem einen oder anderen rund vier Jahre verbracht, also schon eine sehr lange Zeit in unserem Leben.

In meiner Arbeit als Sozialarbeiterin begegne(te)n mir sehr viele Menschen. Auch hier hinterlassen manche mehr Spuren als Andere. Wenn man nach dem Grundsatz lebt, dass Themen, die man selbst noch zu bearbeiten hat oder offen sind, zu einem kommen, kann man auch eine Menge von den Klienten lernen. Natürlich nur sofern man das sowohl sieht als auch zulassen kann. Seit 10 Jahren arbeite ich in der Drogenberatung und immer wieder kommt die Frage, wie man das aushält. Was soll ich sagen? Ich habe in den 10Jahren so viel gelernt und durfte auch so viele Geschichten hinter den Menschen kennenlernen. Bei manchen wurde ich sogar Teil der Geschichte. Natürlich kann man mir nun vorwerfen, dass ich mich nicht abgrenzen kann. Ja, das war für mich sicher schwieriger zu Beginn. Aber ich finde, wenn Menschen über Jahre bei dir ein und ausgehen, gehören sie auch zu einem Teil zu deinem Leben.

Gerade heute erst mussten wir einen Mann zu Grabe tragen. Ein Mensch, der seit 9 Jahren regelmäßig zu mir kam. Ich durfte in seine eigenen vier Wände besuchen um ihm bei seinem größten Ziel, aus seiner schimmligen Wohnung siedeln zu können, zu begleiten. Dieser Mann hatte sehr viel in seiner Vergangenheit und hat alles verloren. Für viele machte er wohl nach Außen einen sehr traurigen Anschein und niemand wollte ihm, nachdem er sein ganzes Geld, sein ganzes Hab und Gut verloren hat, zu Nahe kommen. Er war krank und hatte eine Lungenkrankheit. Nach Außen sah es oft so aus, als wäre er selbst schuld, wenn er so hustete, da er ja soviel rauchte. Was wiederum niemand wusste, dass er immer wieder versuchte mit dem Rauchen aufzuhören. Seine Angststörung hatte ihm immer wieder dazwischen gefunkt. Nun ist er gestorben. Im sehr engsten Kreis und sehr jung. Bis auf eine Lebensgefährtin und einem engen Freund war niemand da. Das machte mich sehr traurig und deswegen ist mir es auch heute sehr wichtig davon zu schreiben. Vielleicht regt der Text den einen oder anderen dazu an, dass er/sie sein Gegenüber nicht mehr nach dem Äußeren interpretiert. Klar, man sieht jemanden, man interpretiert und steckt ihn in eine Schublade. Aber vergesst nicht, dass passiert auch mit euch. Doch ist das wirklich notwendig? Ein ganz banales Beispiel. Mein Mann und ich waren auf dem Weg in ein Elektronikgeschäft um einen Laptop für mich zu kaufen. Wir beide waren sehr legere in unserer besten Ausgehuniform, also Trainingshose und Jacke, unterwegs. Wir stellten uns dem Verkäufer und sagten, ich brauche einen Laptop. Er musterte uns von oben bis unten und seine Antwort war schlichtweg, dass wir in eine andere Abteilung müssen, diese hier sind für uns sicher zu teuer. Also der vierhundert Euro Laptop war scheinbar zu viel für mich. Als ich ihm dann noch sagte, ich wolle einen mit einer Ssd Festplatte, etc. verkneifte er sich fast sein Lächeln. Wäre ich gestylt gekommen, hätte er mir womöglich noch einen teureren empfohlen. Ist natürlich jetzt auch nur eine Interpretation von mir, aber naja... Auf was wollte ich nun eigentlich raus? Ich will zum nachdenken anregen. Ich will, dass wir uns mehr wertschätzen, dass wir Menschen, die wir kennenlernen nicht gleich verurteilen sondern Ihnen eine Chance geben. Es wäre so schön, wenn wir uns einfach alle so geben könnten, wie wir sind. Und ja es wäre schön, wenn wir alle wieder mehr aufeinander achten würden. Vielleicht können wir dann alle als Gemeinschaft auch der Armut und der Kälte in unserem Land entgegenwirken. Klar, die Armut bekämpfen müssen unsere Entscheidungsträger, aber wir können sie regelmäßig darauf aufmerksam machen. Denn wenn unten genug Menschen schreien, kann man sich oben auch nicht gut unterhalten und den Lärm nicht ignorieren. Aber gemeinsam muss man den Mut haben oder ihn vielleicht auch entwickeln endlich laut zu schreien.

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